Spiegellos gegen Spiegelreflex: Welche Kamera ist besser?

Veranschaulichung von Sonys SLT-Technik
Sonys SLT-Technik: Der teiltransparente Spiegel leitet etwa 30 Prozent des einfallenden Lichts zum Autofokus – die restlichen 70 Prozent gelangen zum Bildsensor.

Egal, ob für Einsteiger, Amateure oder Profis: Eine Systenkamera ist der klassischen Kompaktknipse in vielen Disziplinen überlegen. Doch laufen die modernen spiegellosen Modelle den DSLRs allmählich den Rang ab? Unser Detailvergleich schafft Klarheit!

Bei der Entscheidung für ein Kamerasystem im Jahr 2012 sind häufig nicht nur Kunden sondern immer häufiger auch die Verkäufer ratlos. Schuld daran ist die Aufteilung des Systemkamera-Markts in den vergangenen drei Jahren: Einerseits werden nach wie vor die klassischen digitalen Spiegelreflexkameras mit Prismensuchern angeboten, andererseits kamen die spiegellosen („mirrorless“) Systemkameras ohne dedizierte optische Sucherlösung auf den Markt.

Bei letzteren erfolgt die Bildvorschau rein elektronisch – von wenigen Ausnahmen abgesehen, dazu aber später mehr. Darüber hinaus drängt Sony massiv mit seinen SLT-Modellen (Single-Lens Translucent) der Alpha-Serie auf den Markt, die mit einem halbdurchlässigen, fest montierten Spiegel laut Hersteller die Vorteile beider Systeme kombinieren.

Die Erfolgsgeschichte der spiegellosen Systemkameras begann übrigens schon vor einigen Jahrzehnten. Nämlich 1954, als Leica mit der M3 seine Messsucherkamera vorgestellt hat (seit den 30ern gab es schon die Contax II). Heute sind fast alle Vor- und Nachteile des Systems in modernen spiegellosen Kamerasystemen zu finden.

Was bringt der Spiegel?

Gehobene Mittelklasse-DSLR Nikon D7000
Die Nikon D7000 markiert den Einstieg ins Profisegment. Wir haben die gehobene DSLR vergangenes Jahr getestet.

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Gattungen ist zweifelsohne das Spiegelsystem. Dieses kommt in der DSLR weiterhin zum Einsatz und wird – je nach Preisklasse – am unteren Ende durch einen Pentaspiegel, am oberen durch ein Glasprisma dominiert. Der Klappspiegel vor dem Sensor verhindert eine schlanke, leichte Bauweise und ist ein potenzielles Verschleißteil.

Dem gegenüber steht die deutlich bessere Bildbeurteilung beim optischen Suchersystems, die vor allem im mittleren und oberen Preissegment (ab Nikon D7000 beziehungsweise Canon EOS 60D) überzeugt. Darüber hinaus ist es in puncto Abbildungsqualität jedem aktuell erhältlichen elektronischen Suchersystem überlegen, wobei die Stärken konkret in der Schärfe, der Farbdarstellung, der Verzögerungsfreiheit und der Helligkeit liegen.

Teiltransparenter Spiegel der Sony SLT-A99
Teiltransparenter Spiegel: Die Sony α99 ist die erste SLT-Kamera mit einem Vollformatsensor (24,3 Megapixel). Zur Motivkontrolle sind ein Drei-Zoll-Monitor und ein elektronischer OLED-Sucher an Bord.
Die neue Leica M
Der Fotograf kann bei der Leica M sowohl über das Messsuchersystem als auch über das Display fokussieren.

Auf der anderen Seite profitieren gerade Einsteiger und Laien von elektronischen Sucherlösungen, da diese einen direkten Ausblick auf das Fotoendprodukt inklusive aller kameraseitigen Einstellungen wie Belichtungskorrektur, Sättigung oder Weißabgleich bieten und außerdem zum Beispiel mit Fokushilfen für Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen aufwarten können. Sony (SLT-A99), Fujifilm (X-E1) und neuerdings auch Leica (M-System) bieten Mischformen an, auf die wir im Detail eingehen werden, sobald die Kameras verfügbar sind.
 
 
 

Fokusgeschwindigkeit – DSLR im Vorteil

Lumix DMC-GH3 von Panasonic
Panasonics Spiegellos-Flaggschiff GH3 besticht nicht nur durch die ausgereifte Full-HD-Videofunktion, sondern ebenso durch das umfassende Zubehörprogramm.

Gerade bei schnellen Bildfolgen, bewegten Motiven sowie kontinuierlichem und wenig Licht sind die Kreuzsensoren aus dem Phasendetektions-Autofokus der Spiegelreflexkameras klar im Vorteil – dieser sitzt direkt über dem Spiegel. Ist letzterer dagegen hochgeklappt beziehungsweise befindet sich die Kamera im Live-View-Modus, verschwindet der Vorteil. Hier kommt nämlich ein Bildsensor-basierter Kontrast-AF zum Einsatz (ausgenommen bei den SLT-Kameras von Sony), der nicht nur dem Phasendetektionssystem, sondern auch dem optimierten Kontrast-AF der Mirrorless-Kameras unterliegt.

Der halbdurchlässige, fest montierte Spiegel von Sonys Mischlingen der Alpha-Serie glänzt vor allem im Videomodus. Ansonsten sind gerade bei bewegten Objekten die höherpreisigen spiegellosen Systemkameras wie zum Beispiel die Panasonic Lumix DMC-GH3 im Vorteil.

Die Leica S kommt im Dezember 2012 auf den Markt
Das Höchste der Gefühle? Mit der Leica S kommt im Dezember 2012 die Nachfolgerin der Leica S2 auf den Markt. Die neue Mittelformatkamera verspricht eine noch bessere Bildqualität und eine höhere Geschwindigkeit.

Bedienkonzepte von Einsteigerkameras rauben Nerven

Olympus' Micro-Four-Thirds-Flaggschiff OM-D E-M5
Das Micro-Four-Thirds-Flaggschiff OM-D E-M5 von Olympus gehört zu den besten spiegellosen Systemkameras auf dem Markt.

Schon häufig haben wir die Bedienoberfläche von Sonys NEX-Modellen aufgrund ihrer Unübersichtlichkeit und teils unsinnig ausgegrauten Einstellungsmenüs kritisiert. So ist es beispielsweise in keinem Aufnahmemodus möglich, ein komplettes Kamerasetup festzulegen. Aber auch andere Hersteller von Systemkameras sparen nicht selten mit überbordenden Motivprogrammen und fragwürdigen Features wie Facebook-Upload.

Während solche Funktionen bei spiegellosen Neuvorstellungen schon fast zur Standardausstattung gehören, halten sie nun (wohl oder übel) auch Einzug in gehobene und professionelle Spiegelreflexkameras – so geschehen zum Beispiel bei der kürzlich vorgestellten Vollformat-DSLR Canon EOS 6D.

Außerdem sind unter anderem bei Einsteiger-DSLRs immer öfters obsolet animierte Menüs zu beobachten. Erleichternd für Profis bieten die Spitzenmodelle von Nikon wie die D800(E) oder die D4 eine sinnvolle Reduktion auf das Wesentliche: Sie besitzen ein aufgeräumtes, selbsterklärendes Menü, bei dem man nach dem Einrichten des eigenen Setups nicht befürchten muss, Funktionen vergessen zu haben.

Nikon D4 mit zahlreichen Einstellmöglichkeiten
Keine Fragen: Profikameras wie die Nikon D4 bieten zahlreiche Einstellmöglichkeiten und lassen sich detailliert an die eigenen Bedürfnisse anpassen.

Mirrorless-Systeme nehmen Objektive dankbar entgegen

Tilt-Shift-Objektiv von Walimex Pro
Die meisten Spezialoptiken wie das neue Tilt-und-Shift-Objektiv „24/3,5 T/S“ von Walimex Pro sind ausschließlich für Spiegelreflexkameras konzipiert. Ohnehin ist das Zubehörangebot für DSLRs viel größer als in der Mirrorless-Klasse – noch.

Durch den fehlenden Spiegel haben Mirrorless-Systeme ein geringes Auflagemaß, was zu Folge hat, dass sich fast alle Spiegelreflexobjektive via Adapter (manuell fokussiert) nutzen lassen. Dem steht allerdings die noch immer etwas beschränkte proprietäre Auswahl im Weg, besonders bei den Sony-NEX-Modellen.

Der primär von Panasonic und Olympus genutzte Micro-Four-Thirds-Standard bietet zwar eine wesentlich größere Auswahl, doch fällt diese im Vergleich zu den schier unzähligen Möglichkeiten von Canon- oder Nikon-DSLRs immer noch recht klein aus. Letztere lassen sich nämlich problemlos mit zahlreichen Spezialobjektiven wie Fisheyes, Tilt-und-Shift, Makro-Linsen, lichtstarken Festbrennweiten sowie extremen Weitwinkel- und Teleoptiken bestücken.

Im Vorteil sind die spiegellosen Kameras wiederum beim günstigeren Preis sowie der Kompaktheit der Objektive durch das geringere Auflagemaß und die – in der Regel – kleinere Sensorfläche. Es gibt in beiden Klassen Linsensysteme mit unterschiedlicher Abbildungsleistung, wobei die Spiegelreflexobjektive im Extrembereich tendenziell etwas bessere Ergebnisse erzielen.

Professionelle Videofilmer greifen zur DSLR

Professionelle Filmschaffende bevorzugen Kleinbild-DSLRs aufgrund des größeren Gestaltungsspielraums mit geringer Schärfentiefe, des niedrigen Rauschverhaltens und der Tatsache, dass die Scharfstellung ohnehin manuell erfolgt. Hobbyfilmer und Amateure hingegen erzielen mit den spiegellosen Systemen (vor allem Sony NEX und Panasonic GH) im Normalfall bessere Ergebnisse – nicht zuletzt dank des kontinuierlich nachschärfenden Autofokus.

Die Sony NEX-7 filmt mit bis zu 50 Hertz
Aktuelle Sony-Kameras wie die NEX-7 zeichnen sich durch ihre ausgereifte (Full-HD-)Videofunktion aus und filmen mit bis zu 50 Vollbildern pro Sekunde.

Full-HD-Aufnahmen im Format 1080/25p sind mittlerweile Standard, wobei die Sony-Kameras auch 50p beherrschen. Das ist insofern eine Besonderheit, dass diese Frequenz bei anderen Herstellern meist nur im 720p-Modus zur Auswahl steht.

Gefilmt wird in den meisten Fällen im AVCHD-Format bei maximal 28 Mbit/s oder mit dem H.264-Codec im Quicktime-Container (bis zu 100 Mbit/s). Von Anwendern angepasste Firmware-Versionen – sogenannte Hacks – erfreuen sich großer Beliebtheit, da weitere Funktionen freigeschaltet beziehungsweise neue hinzugefügt werden können. Allerdings sind sie auch risikoreich.

Fujifilm X-Pro1 und Fujifilm X-E1
Maximale Schärfe: Eine spezielle Farbfilter-Anordnung macht die Verwendung eines Tiefpassfilters bei der Fujifilm X-Pro1 (links) und X-E1 überflüssig – dadurch steigt allerdings das Moiré-Risiko.

DSLRs liegen bei der Bildqualität vorn

Ein Blick in das Innere der Nikon D800
Sensorfläche statt Megapixel: Eine Kamera mit Vollformatsensor wie die Nikon D800 hat das Bildrauschen deutlich besser im Griff als jene mit einem APS-C-Chip. Besonders gut veranschaulichen das aber die Top-Modelle Nikon D4 und Canon EOS-1D X

Größere Sensoren wie jene im Kleinbildformat verhelfen den DSLRs zum Sieg in der Bildqualitätswertung. Die Größe des Chips hat nämlich direkte Auswirkungen auf das Rauschverhalten, die Schärfeleistung und die Farbwiedergabe – denn: je größer die Pixel, desto geringer die Fehler bei der Aufnahme und dem Processing.

Jedoch sollte man berücksichtigen, dass auch die guten spiegellosen Systemkameras bereits mehr Qualität liefern können, als selbst der anspruchsvollste Amateur zu nutzen vermag. In dieser Klasse haben sich 16 Megapixel quasi als Standard etabliert. Von Kameras mit höherer Auflösung raten wir in diesem Segment ohnehin ab, da diese zu Lasten der Bildqualität geht. So ist zum Beispiel die Sony NEX-7 mit ihren 24,3 Megapixeln sehr rauschanfällig (zum Testbericht).

PLAYER.de meint:
Im Prinzip ist die Entscheidung für ein System einfach: Man hat die Wahl zwischen kompakteren Abmessungen beziehungsweise geringerem Gewicht und besserer Leistung zum gleichen Preis. Wer hohen Wert auf einen schnellen Autofokus legt und mit spiegellosen Systemkameras in der Praxis nicht zurechtkommt, sollte zur DSLR greifen. Wir jedenfalls sind gerade im professionellen Umfeld noch immer nicht wirklich von spiegellosen Suchersystemen überzeugt und bleiben daher bis auf weiteres der Spiegelreflexklasse treu. Ausnahmen stellen jedoch das zu Beginn angesprochene Leica-M-System sowie die deutlich preisgünstigeren spiegellosen Fujifilm-Modelle X-Pro1 und X-E1 dar. Ihre erstklassigen Sensoren kommen ohne den qualitätsraubenden Tiefpassfilter aus und erzielen phänomenale Ergebnisse. Darüber hinaus bieten die beiden Systeme einen optischen (wenn auch nicht TTL) beziehungsweise einen (dedizierten) elektronische Sucher.