Fotografie trifft auf Videografie: Das ist beim Filmen zu beachten

Ratgeber: Videofunktion für Fotografen
Fotografie trifft auf Videografie: Das ist beim Filmen mit dem Fotoapparat zu beachten.

„Cheeese!“ war gestern. Nicht etwa, weil viele moderne Fotoapparate über eine automatische Lächelerkennung verfügen und damit genau im richtigen Moment auslösen sollen, sondern weil ihre Videofunktionen immer beliebter werden. PLAYER.de verrät, was Digicams in dieser Disziplin mittlerweile leisten und worauf es beim Filmen ankommt.

War die Videofunktion in digitalen Fotokameras vor wenigen Jahren noch ein echtes Highlight, gehört sie heute schon fast zur Standardausstattung. Selbst günstige und kompakte Einstiegsmodelle im Preisbereich um 100 Euro haben einen entsprechenden Modus an Bord, der nicht selten die volle HD-Auflösung von 1.920 x 1.080 Bildpunkten beherrscht – eigentlich kein großes Kino, wenn man bedenkt, dass hierfür ein Sensor mit 2,1 Megapixeln vollkommen ausreicht.

De facto verlangen richtig gute Full-HD-Clips der Digicam einiges mehr ab: Angefangen bei den Aufnahmeformaten und Bildfrequenzen über die Einstellmöglichkeiten bis hin zum angebotenen Zubehör. Vor allem DSLR-Hersteller haben diesbezüglich mächtig aufgeholt und kontinuierlich nachgebessert.

Paula statt Ida

Videotaste der Sony NEX-7
Filmen auf Knopfdruck: Die Videofunktion ist bei beinahe allen Digicams (hier: Sony NEX-7) über eine Taste mit rotem Punkt aufrufbar. Weitere Schritte sind im Normalfall nicht erforderlich.

Obwohl in der Werbung meist einheitlich von Full-HD-Videoaufnahmen gesprochen wird und die Auflösung somit stets 1.920 x 1.080 Pixel beträgt, gibt es zwischen den Kameras teils gravierende Unterschiede. Hier ist oftmals nur ein einziger Buchstabe ausschlaggebend: i für „interlaced“ oder p für „progressive“.

Ersterer weist darauf hin, dass die Bilder im sogenannten Zeilensprungverfahren aufgezeichnet werden. Dabei nimmt die Digicam zunächst alle geraden, dann alle ungeraden Bildzeilen auf. Diese „Halbbild-Methode“ stammt aus dem analogen Fernsehzeitalter und stellt relativ niedrige Anforderungen an die Technik, kann aber bei modernen Wiedergabegeräten zu unschönen Flimmereffekten führen.

1080p-Videos hingegen sind als Vollbilder codiert, was das menschliche Auge als angenehmer empfindet und außerdem eine bessere Bildqualität zur Folge hat, da alle 1.080 Zeilen gleichzeitig angezeigt werden.

Eine ebenfalls elementare Rolle spielt die Bildwiederholrate, also die Anzahl der Einzelbilder pro Sekunde, um Bewegungsabläufe flüssig darstellen zu können. Bei Kinofilmen sind 24 Hertz üblich, weshalb beinahe alle Full-HD-Videofunktionen diese Frequenz unterstützen. Weit verbreitet sind auch 25, 30, 50 und 60 Hertz.

Oftmals werden in den technischen Daten die Bildraten mit dem jeweiligen Buchstaben des Aufnahmeverfahrens kombiniert. 50i zum Beispiel bedeutet, dass die Kamera mit 50 Halbbildern pro Sekunde filmt und das Abspielgerät – sofern es sich um keinen 50-Hertz-Röhrenfernseher oder -Projektor handelt – diese in 25 Vollbilder konvertieren muss (Deinterlacing).

Eine Frage des Formats

Spätestens seit die Speicherkarte das analoge Videoband abgelöst hat, kommt dem Videoformat eine essenzielle Bedeutung zu. Schließlich hängen von ihm nicht nur die Bildqualität und gewissermaßen die Aufnahmedauer ab, sondern ist er auch enorm wichtig in der Postproduktion: Die Datei sollte von allen gängigen Schnittprogrammen wie Adobe Premiere, CyberLink PowerDirector oder Sony Vegas unterstützt werden und zudem genügend Spielraum für die digitale Nachbearbeitung bieten.

Einstellen des Videoformats bei der Sony SLT-A65
Aktueller Standard: Das AVCHD-Format von Panasonic und Sony hat sich dank der effizienten Datenkomprimierung im Videobereich durchgesetzt.

Hier hat sich das von Panasonic und Sony entwickelte AVCHD-Format (Advanced Video Codec High Definition) durchgesetzt, das die hocheffiziente Kompressionsmethode „H.264/MPEG-4 AVC“ nutzt. Nichtsdestotrotz stellt die AVCHD-Verarbeitung sehr hohe Systemanforderungen an den Computer. Abhilfe schafft hier das ebenfalls weit verbreitete Motion-JPEG-Format (kurz: MJPEG).

Dieses ist dank der sogenannten Intraframe-Codierung nicht ganz so leistungshungrig und erlaubt einen deutlich präziseren sowie schnelleren Videoschnitt, da jedes einzelne Filmbild vollständig gespeichert wird, statt dass die Kamera die Frames nur mit Differenzinformationen versieht. Allerdings fallen die Videodateien dadurch ziemlich groß aus, weshalb die meisten Digicams nur kurze MJPEG-Sequenzen aufnehmen können.

HDMI-Signalausgabe bei der Nikon D800
Vorbildlich: Die Profi-DSLR Nikon D800 bietet eine verbindliche Videovorschau, kann die Signale via HDMI aber auch an einen externen Monitor ausgeben. Zudem sind manuelle Einstelloptionen verfügbar.

Automatiken als Fluch und Segen

Erweisen sich einige Automatiken beim Fotografieren als äußerst hilfreich, können sie im Videomodus genau das Gegenteil bewirken. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Autofokus, der ambitionierten Filmern ein Dorn im Auge ist: Er regelt die Schärfe in Videos zwar langsamer und damit sanfter nach, pumpt bei vielen Digicams aber deutlich, wodurch das Bild unruhig wirkt.

Zudem verursachen das AF-System und der motorgetriebene Zoom oftmals Störgeräusche, die auf der Tonspur zu hören sind. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, manuell über das Objektiv zu fokussieren und zu zoomen. Hier sind Systemkameras den herkömmlichen Kompaktknipsen also klar überlegen, wobei letztere die motorische Scharfstellung beim Filmen gerne mal komplett deaktivieren.

Das Live-View-Display der Kamera muss eine verbindliche Vorschau liefern, um noch vor der Aufnahme das Motiv scharf stellen und Parameter anpassen zu können (siehe „Einstellungstipps für Videos“). Großen Wert legen sollte man auch auf eine automatische Belichtungsanpassung und einen automatischen Weißabgleich, was bei Camcordern zum Standard gehört.

Ein weiteres nützliches Helferlein ist der Bildstabilisator, wobei hier die mechanischen beziehungsweise optischen Lösungen den digitalen in jedem Fall vorzuziehen sind. Erfahrungsgemäß können beweglich gelagerte Sensoren im Vergleich zu verschiebbaren Linsengruppen jedoch relativ laut sein, so dass die Klangqualität negativ beeinflusst wird.

Einstellungstipps für Videos

Einstellen der Videoauflösung bei der Sony NEX-7
Progressive Aufnahme: Im 720p- bzw. 1080p-Format gedrehte Videos wirken deutlich angenehmer als jene, bei denen das Zeilensprungverfahren zum Einsatz kommt.

Manuelle Einstellmöglichkeiten nehmen einen hohen Stellenwert unter ambitionierten Anwendern ein und sind normalerweise den höherklassigen Kameras vorbehalten. Wie in der Fotografie, wirken sich Blendenöffnung, ISO-Lichtempfindlichkeit und Verschlusszeit natürlich auch im Videomodus unmittelbar auf das Bild aus. Letztere bestimmt beim Filmen vorrangig den Bewegungsfluss, als dass sie eine wesentliche Rolle bei der Belichtung spielt.

Die eingestellte Zeit gilt für jedes einzelne Videobild, weshalb sie von der Bildwiederholrate abhängig ist. Folglich kann der Wert beispielsweise bei einer Frequenz von 24 Hertz nicht niedriger sein als eine Vierundzwanzigstelsekunde. Hier würden jedoch sichtbare Bewegungsunschärfen auftreten, während das Video bei zu kurzer Belichtung ruckelig wirkt (Stakkato-Effekt). Die bewährte Faustformel für die Verschlusszeit lautet: 1/(Bildrate * 2). Bei oben genannter Frequenz sollte man also eine Achtundvierzigstelsekunde belichten.

Die anderen beiden Aufnahmeparameter verhalten sich hingegen genauso wie in der Fotografie: Eine große Blendenöffnung bewirkt eine Hintergrundunschärfe, die bei Vollformatkameras mit Teleobjektiv besonders stark ausfällt. Auf diese Weise heben sich etwa Personen deutlich von der Umgebung ab, wobei eine geringe Schärfentiefe das punktgenaue Fokussieren erschwert. Filmt man zum Beispiel in der Dämmerung oder unter schlechten Lichtbedingungen, muss die ISO-Empfindlichkeit des Sensors entsprechend erhöht werden. Zwar sind Videos aufgrund ihrer niedrigeren Pixeldichte weniger anfällig für das Bildrauschen, doch kann es bei extremen ISO-Werten trotzdem negativ in Erscheinung treten.

Wer sich spezielle Wirkungen wie einen Fisheye- oder Miniatureffekt wünscht, darf natürlich auf Kreativprogramme zurückgreifen. Diese stellt die Kamera im Videomodus allerdings nicht immer oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Gleiches gilt für die Farbmodi, welche die Farbwirkung motivabhängig anpassen – beispielsweise durch sattere Blau- und Grüntöne in Landschaftsaufnahmen.

Der gute Ton

Nikon D800 mit optionalem Stereomikrofon ME-1
Externe Stereomikrofone wie das ME-1 von Nikon verbessern die Tonqualität der DSLR (hier: Nikon D800) deutlich. Idealerweise sollte die Kamera zudem über ein Soundmanagement verfügen.

Integrierte Mikrofone liefern nicht selten nur dürftigen Klang. Wer sich hochwertige, unverfälschte Tonaufnahmen wünscht, kommt um ein externes Stereomikrofon wohl oder übel nicht herum. Dieses erfordert selbstverständlich einen entsprechenden Audioeingang in der Kamera.

Im professionellen Filmbereich kommen sogar externe Recorder zum Einsatz, die separat über XLR-Mikrofone gespeist werden. Die Synchronisation des Audio- und Videomaterials erfolgt dabei erst nachträglich im Rahmen der Postproduktion.

Diese Lösung bietet im Vergleich zur Kamera-internen Tonaufzeichnung wesentlich mehr Kontrollmöglichkeiten, wenn auch ein paar Profi-DSLRs wie zum Beispiel die Nikon D800 beziehungsweise D800E (zum Testbericht) bereits über ein internes Soundmanagement verfügen.
 

Nützliches Zubehör

Ohne Zubehör geht bei ambitionierten und professionellen Filmern gar nichts. Wie im fotografischen Bereich, stehen auch hier an erster Stelle die Objektive. In der Regel sind Festbrennweiten ob ihrer verzeichnungsarmen Abbildung die beste Wahl, wobei es bei der manuellen Scharfstellung auf einen gleichmäßig, ruckelfrei drehbaren Fokusring ankommt. Je nach Geschmack sind natürlich auch andere Wechseloptiken verwendbar.

LED-Leuchte von Hama
Effektives Aufhell-Licht: Moderne LED-Leuchten eignen sich sowohl zum Fotografieren als auch zum Filmen. Die Montage erfolgt über den Zubehörschuh der Kamera.

Hat man sich allerdings komplett der Videografie verschrieben, sollten spezielle Video-Objektive in Erwägung gezogen werden, die in ihren Abmessungen genormt sind und speziell für die Aufnahme bewegter Motive konzipiert wurden.

Zum Aufhellen beziehungsweise Ausleuchten der Drehkulisse bieten sich Videoleuchten an, die auf den Zubehörschuh der Kamera aufgesteckt werden. Aktuelle Modelle arbeiten mit LEDs, die zum einen sehr hell strahlen und andererseits wenig Strom benötigen.

Ein Zusatzakku für die Digicam gehört trotzdem ins Gepäck. Als Richtwert gilt: Eine Ladung reicht für bis zu 90 Minuten Film, wobei die Zeit in der Praxis stark variieren kann. Wem der Live-View-Modus nicht zusagt oder das Display der Kamera schlichtweg zu klein ist, sollte einen Blick auf einen externen Vorschaumonitor werfen. Sie erleichtern das Fokussieren und bieten eine zuverlässigere Bildkontrolle. Entsprechende Modelle mit fünf sowie sieben Zoll Diagonale haben zum Beispiel Sony und Marshall. Der Anschluss erfolgt idealerweise über die HDMI-Schnittstelle.

"Cine-Xenar III"-Objektivserie von Schneider-Kreuznach
Cine-Xenar III: Die neue Objektivserie von Schneider-Kreuznach besteht aus sechs Festbrennweiten, die speziell für Filmer konzipiert wurden und allesamt die gleichen Abmessungen besitzen.

Auf die leichte Schulter genommen

Schulterstativ SD-Brace von Habbycam
Einfache Schulterstative wie das „SD-Brace“ von Habbycam (Preis: 260 Euro) reichen für Einsteiger und Hobbyfilmer in der Regel vollkommen aus.

Zwar verfügen die meisten modernen Digicams über ein ergonomisches Design, doch ist dieses in erster Linie auf den fotografischen Einsatz zugeschnitten – insbesondere bei DSLRs.

Um das Handling beim Filmen zu verbessern, bieten unter anderem die in Fachkreisen bekannten Hersteller Kinomatik, Chrosziel und Redrock Micro sogenannte Rigs an.

Hierbei handelt es sich um spezielle Schulterstative, die einer Rohrkonstruktion gleichen. Auf sie lässt sich – je nach Modellvariante – eine Kamera mit sämtlichem Zubehör montieren. Ihre Vorteile liegen dabei in der deutlich ruhigeren Kameraführung sowie spezifischen Vorrichtungen respektive Mechaniken, die sowohl ein ausgewogeneres als auch präziseres Zoomen und Fokussieren ermöglichen.

Professionelle Rigs besitzen sogar zwei Schäfte, so dass das Gewicht gleichmäßig auf beiden Schultern verteilt wird. Alternativ ist der komplette Aufbau mit einem Videostativ kombinierbar, das auf die Bedürfnisse ambitionierter Filmer zugeschnitten wurde. Ihre Hauptmerkmale sind zum Beispiel die größeren Traglasten von mehreren Kilogramm, der genauere und regulierbare Schwenkmechanismus sowie der gedämpfte Kopf. Die Preisspanne für Rigs beziehungsweise Videostative reicht von zweistelligen Beträgen bis hin zu einigen tausend Euro bei Profisystemen.

Vollständiger Videoaufbau
Hollywoodreif: Ein professionelles Filmsystem wie der hier abgebildete Aufbau – bestehend aus DSLR-Kamera mit Zusatzakkus, Filterbox, Vorschaumonitor, Tragegriff, Rig und Videostativ – kostet mehrere tausend Euro.

Videoschnitt ohne Computer

Unterwegs zum nächsten Dreh, im Urlaub oder einfach nur fernab eines Computers kurzerhand das überschüssige Filmmaterial herausschneiden? Mit einer modernen Digicam geht das ohne Probleme! Viele Hersteller spendieren ihren Modellen eine interne Bearbeitungsfunktion, die neben Werkzeugen zur Fotoretusche auch ein Schnitt-Tool für Videos bereithält.

Hierfür werden weder technische Kenntnisse noch Software benötigt: Man wählt in der Regel nur den gewünschten Start- und Endpunkt – also beispielsweise 02:12 bis 10:18 Minuten. Die so generierte Sequenz speichert die Kamera auf Wunsch als neue Datei. Ebenso lassen sich „Schnappschüsse“ aus einem Video herauslösen und im JPEG-Format exportieren. Allerdings haben die Fotos die gleiche Auflösung wie das Video, also maximal 1.920 x 1.080 Pixel.

Um die Clips vom Rauschen zu befreien und weiter aufzupolieren, führt kein Weg an einem echten Schnittprogramm vorbei. An dieser Stelle möchten wir noch einmal die hohen Systemanforderungen erwähnen, die eine umfangreiche Postproduktion an den PC oder das Notebook stellt.

PLAYER.de meint:
Fotos sagen zwar mehr als tausend Worte, doch sprechen Videos ganze Satzfluten. Zu verdanken ist dies der stetig verbesserten Videotechnik, die seit wenigen Jahren auch in digitalen Fotokameras Einzug hält. Verglichen mit modernen Camcordern, ergeben sich aufgrund der auf die Fotografie getrimmten Bildsensoren aber einige Probleme. So neigen vor allem CMOS-Chips bei Schwenks sowie schnell bewegten Motiven zu diagonalen Verzerrungen alias „Rolling Shutter“, wobei diese und einige weitere Fehler stark rückgängig sind. Canon und Nikon zum Beispiel haben jüngst zwei Profi-DSLRs herausgebracht, deren Videoaufnahmen durchweg begeistern. Bis günstigere Modelle und herkömmliche Kompaktknipsen vergleichbare Ergebnisse liefern, muss man sich wohl oder übel noch etwas gedulden. Letztendlich ist die Videoqualität also auch nur eine Frage des Budgets.