Test: Leica X1 – Bestqualität für die Hosentasche

Leica X1 im Test
Premium-Kompaktkamera: Leica X1 im Test

Leica hat die analoge Fotografie maßgeblich geprägt. Die X1 des deutschen Herstellers geht als qualitatives Vorbild für eine ganze Reihe von Premium-Kompaktkameras im unscheinbaren Retro-Gehäuse und mit Festbrennweite durch. Hat sie aber auch die makellose Bildqualität einer DSLR?

Wer einen großen APS-C-Sensor will, muss für gewöhnlich auf eine sperrige Systemkamera zurückgreifen. Mit der neuen Generation der Premium-Kompaktklasse ändert sich das. Leica bietet mit der X1 ein entsprechendes Modell an, das die makellose Bildqualität einer DSLR verspricht, aber dennoch in die Hosentasche passt. Sie ist vor allem als Zweitkamera für eingefleischte Fotopuristen und Profis entwickelt, was man unmissverständlich am Preis bemerkt: 1.550 Euro verlangt der hessische Traditionshersteller für das gute Stück, welches immerhin in Deutschland gefertigt wird.

Leica X1 in Silber
Leica bietet die X1 auch im silbernen Retro-Design an. Die lederartige Ummantelung geht komplett ums Gehäuse herum.

Vorteile der Leica X1 im Überblick:
+ hervorragende Bildqualität
+ relativ einfache Bedienung
+ hochwertige Verarbeitung
+ Adobe Lightroom als Gratis-Download

Nachteile der Leica X1 im Überblick:
– unpräziser Autofokus
– keine Videofunktion
– hoher Preis
– niedrige Flexibilität

Leixa X1 | Technik

Linke Seitenansicht der Leica X1 mit ausgefahrenem Objektiv
Obwohl es sich bei dem Objektiv um eine Festbrennweite handelt, fährt es beim Einschalten rund zwei Zentimeter aus dem Gehäuse heraus. Einen klassischen Fokusring sucht man vergebens.

Es ist gar nicht so lange her, dass PLAYER.de die jüngste Vertreterin der legendären M-Serie von Leica unter die Lupe nehmen durfte: die Leica M9-P. Die X1 bildet zwar eine völlig eigene Modellreihe, zumal sie weder mit einem Objektivbajonett noch einem (internen) optischen Sucher aufwarten kann, trägt aber durchaus Gene der großen Schwestern in sich. Das ähnliche Äußere mal außer Acht gelassen, soll die Kompaktkamera den übergeordneten Modellen in puncto Bildqualität nämlich in nichts nachstehen.

Diese Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Kompaktknipsen ist laut Hersteller vor allem der Optik sowie dem Bildsensor zu verdanken: Während die eingebaute 35-Millimeter-Festbrennweite (entsprechend Kleinbild) mit Lichtstärke f/2,8 für eine verzerrungsfreie Abbildung sorgt, garantiert der CMOS-Chip im 23,6 x 15,7 Millimeter großen APS-C-Format ein Auflösungsvermögen von 12,2 Millionen Bildpunkten. Der einstellbare ISO-Empfindlichkeitsbereich reicht von 100 bis 3.200, wobei natürlich auch eine ISO-Automatik an Bord ist.

Rechte Seite der Leica X1
Die USB-Schnittstelle und der HDMI-Ausgang sind hinter einer kleinen Klappe auf der rechten Kameraseite versteckt. Weitere Anschlüsse bietet die X1 nicht.

Die Belichtungszeit lässt sich zwischen einer Zweitausendstelsekunde und einer halben Minute anpassen – einen Bulb-Modus sucht man jedoch vergebens. Ebenso als überflüssig erachtet hat Leica offensichtlich den mechanischen Bildstabilisator sowie die Videofunktion. Hier macht die X1 also noch einmal deutlich, dass sie in erster Linie auf professionelle Fotografen abzielt, die sich für nichts anderes als ein gutes Bild interessieren.

Ganz in Manier einer gehobenen Kompaktkamera, werden das JPEG- und RAW-Format (DNG-Datei) gleichermaßen unterstützt. Im Serienbildmodus sollen bis zu drei Bilder pro Sekunde möglich sein. Als Speichermedium dient üblicherweise eine SD- oder SDHC-Karte (maximal 32 Gigabyte), zur Not aber auch der etwa 50 Megabyte große interne Speicher.

Die Aufnahmen sind direkt auf dem 2,7 Zoll (6,8 Zentimeter) großen Display oder – dank HDMI-Ausgang – auf einem hochauflösenden Monitor beziehungsweise Fernseher abspielbar. Außerdem steht eine USB-Schnittstelle zur Verfügung. An die spätere Nachbearbeitung respektive Rohdatenkonvertierung wurde ebenfalls gedacht. Wer die Kamera (online) registriert, kann nämlich Adobes beliebten Photoshop-Ableger „Lightroom“ im Wert von rund 150 Euro kostenlos herunterladen.

Abgesehen vom Blitzschuh, sind die Erweiterungsmöglichkeiten der X1 bislang sehr eingeschränkt. Zwar besitzt das Objektiv ein Schraubgewinde, doch wird dafür noch kein passendes Zubehör angeboten. Der mitgelieferte Li-Ionen-Akku hält nach CIPA-Standard mit einer Ladung bis zu 260 Aufnahmen durch.

Oberseite der Leica X1

Leica X1 | Bedienung

Integrierter Aufhellblitz der Leica X1
Der integrierte Aufhellblitz springt heraus, wenn man ihn herunterdrückt. Auf die gleiche Weise lässt er sich auch wieder einfahren.

Geben sich viele Hersteller noch große Mühe, ihre Digicams mit einem zeitgemäßen, trendigen Äußeren zu versehen, setzt Leica bei seinen Modellen bevorzugt auf das zurückhaltende Retro-Design. Das mag zwar einen gewissen Charme versprühen, ist aus ergonomischer Sicht aber weniger komfortabel. Immerhin besitzt das mit 124 x 32 x 59,5 Millimetern relativ kompakte Gehäuse eine lederartige Ummantelung, so dass es nicht aus der Hand rutscht.

Abgesehen von der ISO-Taste, die links neben dem 2,7-Zoll-Monitor sitzt, wurden die wichtigsten Bedienelemente auf der rechten Geräteseite in Daumennähe positioniert. Zudem verfügt die X1 – ebenso wie die Fujifilm Finepix X100 – über zwei separate Einstellräder für die Blenden- und Zeiteinstellung. Leider sind diese etwas zu leichtgängig, was die Steuerung in hektischen Situationen erschwert. Hier wäre eine stärkere Arretierung wünschenswert gewesen.

Sollen die Aufnahmeparameter automatisch festgelegt werden, muss man sämtliche Regler auf „A“ stellen. Jedoch beschränkt sich die Arbeit des Fotografen dann nur noch auf das Betätigen des Auslösers, was für die eigentliche Zielgruppe wohl kaum infrage kommen dürfte. Wer einmal Probleme mit der Steuerung haben sollte, dem sei ein Blick in die vorbildliche, äußerst detaillierte Bedienungsanleitung empfohlen.

Schlichter Menüaufbau der Leica X1
Wie außen, so auch innen: Das Menü der X1 ist sehr schlicht und übersichtlich gehalten.

Die X1 ist für ihre Klasse angenehm flott: Obwohl das Objektiv nach dem Einschalten erst einmal in die richtige Stellung fahren muss, vergehen bis zum ersten Foto bloß zwei Sekunden. Hier könnte sich die Kamera ruhig ein wenig mehr Zeit lassen, wenn dafür der Autofokus präziser arbeiten würde. Er fängt das Motiv trotz insgesamt elf Messfeldern des Öfteren verschwommen ein.

Abhilfe schafft allenfalls die manuelle Scharfstellung, wenn auch das Fokussieren über einen kompakten Drehregler am Daumen statt über einen Ring an der Optik sicherlich nicht jedermanns Geschmack trifft. Zoomen kann man mit der Festbrennweite verständlicherweise nicht. Ärgerlich finden wir aber, dass Leica weder einen mechanischen Bildstabilisator noch eine Fernauslöserbuchse spendiert hat. Bei längeren Verschlusszeiten bleibt also nur die etwas unpraktische Möglichkeit, per Selbstauslöser auf einem Stativ zu fotografieren.

Zuschaltbare Fokuslupe der Leica X1
Auf Wunsch unterstützt eine Lupe den Fotografen beim manuellen Fokussieren. Die Einstellung erfolgt über den kleinen Drehregler rechts am Daumen.

Auf einen integrierten Aufhellblitz wurde nicht verzichtet. Dieser springt heraus, wenn man die runde Platte auf der linken Oberseite herunterdrückt. Das Live-View-Display an sich ist für die Preisklasse leider eine Enttäuschung, löst es doch geringer auf als das mancher Einsteigerkameras wie zum Beispiel der V-Lux 30 aus gleichem Hause. Für den Zubehörschuh bietet Leica neben Blitzgeräten auch einen auf das Objektiv abgestimmten optischen Aufstecksucher an, der jedoch mit fast 300 Euro zu Buche schlägt. Ach ja: Makro-fähig ist die X1 aufgrund der recht großen Naheinstellgrenze von 30 Zentimeter bedauerlicherweise nicht wirklich.

Einstellung der HDMI-Auflösung bei der Leica X1
Die Auflösung des ausgegebenen HDMI-Signals kann im Menü auf 1080i, 720p oder 480p eingestellt werden.
Farbmodi der Leica X1
Statt klassischen Kreativprogrammen hat Leica der X1 nur vier voreingestellte Farbmodi spendiert.
Aktivierung des digitalen Bildstabilisators im Leica-Menü
Die Leica X1 verfügt lediglich über eine digitale Bildstabilisierung - auf einen mechanischen Verwacklungsschutz wurde verzichtet.

Leica X1 | Kreativprogramme

Mit der Leica X1 erstellte Monochrom-Aufnahme des Novotel Hamburg
Mit der Leica X1 erstellte Monochrom-Aufnahme des Novotel Hamburg

Die X1 strotzt geradezu vor Seriosität. Leica verzichtet nämlich nicht nur äußerlich auf sämtliche Spielereien, sondern auch bei den fotografischen Möglichkeiten. Mit anderen Worten: Kreativprogramme sind Mangelware. Wie bei der Fujifilm Finepix X100 sucht man vergebens nach klassischen Motivmodi à la „Sport“, „Landschaft“ oder Portrait“ und findet stattdessen nur einen vorkonfigurierten Farbabgleich, der sich im Menü hinter dem etwas irreführenden Punkt „Film-Voreinstellung“ verbirgt.

Mit diesem können die Farben auf Wunsch intensiviert, neutralisiert oder in Schwarz-Weiß umgewandelt werden. Darüber hinaus sind die Schärfe, die Sättigung und der Kontrast jeweils in fünf Stufen (Gering/Mäßig/Standard/Mittelhoch/Hoch) anpassbar. Schade, dass der Effekt nur unmittelbar bei der Aufnahme wirkt – bereits gesicherte Bilder lassen sich nicht mehr nachbearbeiten.

In dieser Disziplin hat das Konkurrenzmodell aus dem Hause Fujifilm (zum Testbericht) deutlich mehr zu bieten, von der Olympus PEN E-P3 ganz zu schweigen. An dieser Stelle sei aber noch einmal erwähnt, dass sich die Leica X1 ausschließlich an Fotopuristen richtet, welche die kreative Gestaltung des Bildes selbst in die Hand nehmen möchten. Dies ist auch eine plausible Erklärung, warum Kamerabesitzer die Software Adobe Lightroom – wie bereits erwähnt – kostenlos herunterladen können.

Leica X1 mit optionalem Zubehör
Teures Zubehör: Wem die Leica X1 zu unhandlich ist, kann für rund 100 Euro einen Handgriff dazukaufen. Der Aufstecksucher kostet sogar stolze 299 Euro.

Leica X1 | Bildqualität

Architekturaufnahme der Leica X1
Alle Bilder mit 35 mm Brennweite: Auch das Philips-Hauptquartier in Hamburg wurde so mit der Leica X1 aufgenommen.

Das Einzige, was den für Kompaktknipsen ungewohnten APS-C-Sensor im Inneren der X1 verraten könnte, ist die vergleichsweise große Linse. Der Live-View-Monitor löst ohnehin viel zu niedrig auf, um die Abbildungsleistung darüber objektiv beurteilen zu können. Wie leistungsfähig die Technik hinter der unscheinbaren Fassade also wirklich ist, offenbart sich erst, wenn man die Fotos im Großformat betrachtet. Kurz gesagt: Leica verspricht nicht zu viel.

Angefangen beim hohen Auflösungsvermögen über das niedrige Rauschverhalten bis hin zum starken Dynamikumfang können die Aufnahmen locker auf Spiegelreflex-Niveau mitschwimmen. Leider macht der recht unpräzise Autofokus oftmals einen Strich durch die Rechnung. Dies gilt besonders bei detailreichen Motiven, wobei natürlich auch die geringe Schärfentiefe einen Teil zu den leichten Unschärfen im Vorder- beziehungsweise Hintergrund beiträgt. Hier sei explizit die Schärfungsfunktion in Adobe Lightroom erwähnt, mit der sich einiges aus dem Bild herausholen lässt.

Sind die Aufnahmeparameter richtig eingestellt, belohnt der 12,2-Megapixel-Chip den Fotografen mit einer makellosen Detailtreue und scharfen Durchzeichnung – sogar unter schlechten Lichtbedingungen. Dank der großen Sensorfläche bekommt nämlich jeder einzelne Bildpunkt genug Licht ab, was sich in einer bemerkenswert sauberen Darstellung niederschlägt. Erste Körnungen treten zwar schon bei ISO 320 auf, doch bleiben Details bis einschließlich ISO 1.600 sehr gut erkennbar. Zur Not liefert auch die höchste ISO-Empfindlichkeit (3.200) noch akzeptable Ergebnisse, worunter aber die sonst neutrale Farbwiedergabe signifikant leidet.

Allgemein könnten die Farben mehr Sättigung vertragen, da sie im Vergleich zur Panasonic Lumix DMC-G3 oder Samsung NX11 etwas ausgewaschen wirken. Ebenso würden ein höherer Kontrast und ein genauerer automatischer Weißabgleich gewiss nicht schaden. Chromatische Aberrationen hingegen sind praktisch kaum vorhanden und treten – wenn überhaupt – nur minimal an harten Hell-Dunkel-Kanten auf. Darüber hinaus zeichnet sich das Leica Elmarit 1:2.8/24 mm ASPH. durch eine verzerrungs- und vignettierungsarme Abbildung aus. Trotz der geringeren Lichtstärke hält sie mit der Festbrennweite der Fujifilm Finepix X100 problemlos mit.

Die Leica X1 in Gegenlichtsituationen
Gigantisch: Selbst bei starkem Gegenlicht lassen sich bei der Leica X1 kaum Linsenreflektionen erkennen.
Beispielfoto der Leica X1 unter schlechten Lichtbedingungen
Langzeitbelichtungen mit hoher Blendenzahl sorgen bei der X1 für scharfe Bilder mit toller Stimmung.
Mit der Leica X1 fotografierter Eingangsbereich einer Hotel-Bar
Gute Durchzeichnung von feinen Strukturen auch in schwierigen Lichtsituationen - das funktioniert mit der X1 sehr gut.
Leica X1: Vergleichsbild 1
Extrem sauber: Die X1 zeigt in dunkleren Bildbereichen ein hervorragendes Rauschverhalten - das Weinetikett wird gestochen scharf abgebildet (links). An die Abbildungsleistung des Vollformatsensors unserer Referenzkamera kommt die Leica allerdings nicht heran.
Leica X1: Vergleichsbild 2
Chromatische Aberrationen und andere Abbildungsfehler sind der Leica X1 dank des hochwertigen Objektivs praktisch fremd. Unsere Referenzkamera (rechts) punktet lediglich mit einem höheren Kontrast und einer etwas schärferen Durchzeichnung.

PLAYER.de-Testurteil: GutPLAYER.de meint:
Kameras mit Seele sind heute eine echte Seltenheit: Weg vom schnöden Kunststoff-Design und technischer Massenware, hin zur Gediegenheit in jeder Hinsicht – diesen Eindruck gewinnt man von der Leica X1 auf Anhieb. Die Retro-Optik hat eben nach wie vor ihren Reiz. Wahre Stärke beweist die edle Kompaktknipse aber im Hinblick auf die Bildqualität, die problemlos DSLR-Niveau erreicht. Hierfür sorgen vor allem der große APS-C-Sensor und das herstellertypisch hervorragende Objektiv. Schade allerdings, dass sich der Fotograf für perfekte Ergebnisse um alles selber kümmern muss: Der Autofokus arbeitet oftmals unzuverlässig, weswegen lieber gleich manuell scharf gestellt werden sollte. Das wiederum ist nicht immer einfach. Leider fielen dem (gewollten) Purismus auch der mechanische Bildstabilisator und die Videofunktion zum Opfer. Alternativen wie die Fujifilm X100 bieten zudem auch noch interessante Panoramafunktionen. Das Live-View-Display bleibt ebenfalls hinter unseren Erwartungen zurück. Aufgrund der Ausstattungsmängel verfehlt die Leica X1 die Bestnote und bekommt „nur“ das PLAYER.de-Qualitätssiegel „Gut“ – die Bildqualität hat sich aber selbstverständlich ein „Sehr gut“ verdient.

Leica X1

Preis lt. Hersteller: 1.550,- Euro
AUSSTATTUNG
Sensor/Auflösung: CMOS mit 12,2 Megapixeln
Objektiv (fest eingebaut): Leica Elmarit 1:2.8/24 mm ASPH., Brennweite: 35 mm (KB)
ISO: 100 bis 3.200
Verschlusszeiten: 1/2.000 bis 30 Sekunden
LC-Display: 2,7 Zoll (230.000 Pixel)
Besonderheiten: Festbrennweite, Bildsensor im APS-C-Format, Retro-Design, HDMI-Ausgang, Lightroom als kostenloser Download, „Made in Germany“
BEWERTUNG
Technik: 4 von 5 Punkten
Bedienung: 4 von 5 Punkten
Kreativprogramme: 2,5 von 5 Punkten
Bildqualität: 4,5 von 5 Punkten
PLAYER.de GESAMTWERTUNG Gut