Warten auf iGodot: Wie könnte der Apple-Fernseher aussehen?

Apple iGodot - Was bringt das TV-Gerät von apple?
Apple iGodot - Was bringt das TV-Gerät von apple?

Apple-Gründer Steve Jobs hat die mobile Elektronik verändert, mit iPod, iPhone und iPad. Die Biografie des Anfang Oktober gestorbenen Jobs sorgt nun für viele Spekulationen, was die Firma im Wohnzimmer planen könnte. Im Mittelpunkt steht dabei die Aussage: „I finally cracked it“, was so viel bedeutet wie: So muss es funktionieren. Doch wie im Theaterstück „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett nimmt das Warten auf den Apple-Fernseher scheinbar kein Ende. Ein Blick in die Gerüchteküche und dazu jeweils der Faktencheck von PLAYER.de-Redakteur Uli Löhneysen klärt darüber auf, was vom Apple-Fernseher zu erwarten ist.

„Apple baut einen Fernseher.“ Dieses Gerücht ist nicht neu, ich habe vor mehr als drei Jahren schon darüber berichtet. Doch wie müsste dieses Gerät aussehen, damit es wirklich zu Apple passt und etwas Neues bietet? Hier gehen die Aussagen weit auseinander.
Zuerst einmal die Voraussetzungen. Allgemein geht man davon aus, dass Apple in eine neue Produktkategorie nur dann geht, wenn es die Chance gibt, diese neu zu definieren. Das kann das Aussehen betreffen, die Funktionsweise oder den Funktionsumfang, die Art der Bedienung und natürlich die Inhalte.
Gleichzeitig darf man festhalten, dass Apple in den letzten Jahren nie etwas präsentiert hat, das vollkommen neu war. Tragbare Musikspieler oder Geräte mit berührungsempfindlichem Schirm, darauf waren andere schon gekommen, aber die Firma aus Cupertino hat daraus immer ein attraktives Paket geschnürt, als iPod, iPhone, iPad, mit iTunes, iOS und vielen Apps.
Apple hat den Codec AAC nicht entwickelt, der bei iTunes verwendet wird, nicht die Videocodierung H.264 für Filme, nicht den Touchscreen oder den Lithium-Ionen-Akku. Aber wenn es eine solche Erfindung gab, hat die Firma gewusst, wie man sie gewinnbringend einsetzt.
Wenn wir also über einen Apple-Fernseher reden, ist das mehr oder weniger eine Tour durch die Technologien von heute und morgen. Und die sich anschließende Frage: Was lässt sich daraus Neues realisieren? Im folgenden einige Optionen, mitsamt Bewertung.

Der Apple-Fernseher wurde bereits oft heiß diskutiert. Hier auf einer Titelseite des Handelsblatt.
Der Apple-Fernseher wurde bereits oft heiß diskutiert. Hier auf einer Titelseite des Handelsblatt.

Sprachsteuerung

„Apple-TV setzt auf Siri.“ Seit Apple mit dem iPhone 4S den sprachgesteuerten Assistenten Siri eingeführt hat, zeigen auch TV-Hersteller, dass man mit dem Fernseher reden kann. Sprachsteuerung selbst ist nichts wirklich Neues, Siri dagegen verbindet die Worterkennung mit intelligenter Logik und Semantik. Schon im Jahr 2000 wollte Thomson eine Fernbedienung mit Sprachsteuerung einführen, ließ es dann aber schnell wieder bleiben. Auch die aktuellen Ansätze von Samsung und LG sind nicht viel mehr als gesprochene Tasten.
Wenn die Erfassung gut funktioniert, lässt sich mit der Stimme durchaus manches realisieren, was bisher problematisch war. Statt auf die Fernbedienung eine Tastatur zu schrumpfen wie bei Google-TV oder ein Tablett zum Tippen herzunehmen, könnte Siri manches vereinfachen, wenn es zum Beispiel ums Web-Browsen geht. Aber: Siri zur Bedienung könnte nur die Gerätefunktionen steuern, die nicht über eine externe Settop-Box gehen. Weder das Umschalten von einem Programm zum anderen noch die Suche nach Angeboten wäre so möglich; auch die Suche nach Aufzeichnungen klappt nur, wenn sie direkt mit dem Fernseher gesteuert worden sind. Und ganz außen vor sind alle Programme, die eine externe Box benötigen, etwa in Deutschland die privaten HD-Sender, Entertain von der Telekom oder Sky.
Also: Siri oder irgend eine andere Sprachsteuerung mag für manche Benutzer eine nette Sache sein, viele werden nicht mit ihrem Fernseher sprechen wollen. Und vor allem dann nicht, wenn man für Empfang und Aufzeichnung eine externe Box verwendet, die keine Sprache versteht. Wenig wahrscheinlich, zumindest als wichtigstes Feature.

Eine ganz neue Panel-Generation

„Die Panels müssen billiger werden, weil die Elektronik so teuer ist.“ Deswegen, so die gelegentlich kolportierte Aussage angeblicher Insider, käme das TV-Gerät noch nicht. Das ist freilich blanker Unsinn, weil es derzeit Panels praktisch zum Materialpreis gibt. Sinn macht eine solche Aussage nur, wenn Apple auf die Massenproduktion von OLED- oder 4k-Displays warten wollte. Doch solche Panels stellt Apple nicht selbst her, und Firmen wie Samsung (OLED), LG (OLED, 4k) und Sharp (4k) verwenden diese neuen Technologien zuallererst dafür, die eigene Marke vorwärts zu bringen. Und selbst wenn Apple jeden Aufpreis zu zahlen bereit wäre, hätte man die Technologie doch nicht exklusiv für sich.
Das Gerücht, Apple würde bei LG OLED-Panels kaufen, ist schon älter. Neu ist nun die Unterstellung, Foxconn würde sich im Auftrag der Kalifornier an der Sharp-Fabrik in Sakai beteiligen, um an 4k-Bildschirme heranzukommen. Sozusagen für einen Retina-TV analog zu den Displays in den neuen iPhones und iPads.
Doch was wäre die Strategie? Natürlich würde es für Apple sinnvoll sein, bei einem TV-Modell die allerneueste, allerbeste Technologie zu verwenden. Aber auch das allein definiert weder eine neue Kategorie noch bringt es dem Besitzer ein neues TV-Erlebnis.
Bei dieser Gelegenheit noch eine Klarstellung zu Gerüchten aus Digitimes, die es am 29. Dezember 2011 bis auf die Titelseiten von Bild-Zeitung (unter „Krokodil klaut Rasenmäher“) und Handelblatt gebracht haben. Apple würde bei Sharp Panels mit 32 und 37 Zoll einkaufen, hieß es da. Das ist wahrscheinlich richtig, hat aber mit Fernsehen nichts zu tun. Denn dabei handelt es sich um 4k-Panels aus der Kameyama-Fabrik, die mit Apple-Money auf den IGZO-Prozess umgestellt wurde. Mit Fernsehern dieser Größe wird sich aber niemand lächerlich machen wollen, vielmehr wird man diese Panels bald in Cinema-Displays mit Thunderbolt-Anschluss sehen. 24 oder 27 Zoll hat schließlich heutzutage schon fast jeder.
Also: OLED oder 4k oder vielleicht sogar beides machen keinen Apple-Fernseher, der dieser Marke würdig wäre. Denkbar, aber nicht genug.

Extravagantes, herausragendes Design

„In Fabriken wurden bereits super-coole Prototypen gesichtet.“ Auch das ist, wie Amerikaner sagen würden, Bullshit. Prototypen gibt es in jeder fernöstlichen Fabrik, aber erst kurz vor Serienanlauf, und davon ist man noch weit entfernt; außerdem hätten Prototypen weder das finale Design noch ein Typenschild.
Und wer über spannendes Design von TV-Geräten spricht, hat offenbar schon länger keine neuen Modelle mehr gesehen. Denn das Design verschwindet mit den Rändern, die jetzt schon nur Millimeter-breit sind. Ein top-eleganter Standfuß wäre sicher auch keine originäre Apple-Leistung. Ein moderner Fernseher ist nicht mehr als eine große, schwarze Glasscheibe – ohne Rand und so dünn wie möglich. Gibt es aber schon. Außerdem: Das Thema Design haben auch andere Anbieter für sich entdeckt . . .
Die einzige denkbare Design-Option wurde allerdings noch nicht diskutiert: statt der schwarzen Glasfläche eine transparente Scheibe zu nehmen. Sie ist kaum sichtbar, wenn das Fernsehen ausgeschaltet ist und beginnt zu leuchten, sobald das Programm läuft. Hierfür gibt es Ansätze, mehrere Panel-Hersteller haben transparente Displays vorgeführt. Die werden aber aus gutem Grund nicht für den TV-Empfang vermarktet.
Denn durchsichtige LCDs lassen nur zehn bis 15 Prozent des Lichts durch, zudem leuchten sie ja nicht selbst. Es wird also ein beleuchteter Hintergrund benötigt – was bei einem Schaufenster oder einer Kühlschranktür machbar ist. Bei TVs müsste man eine weiße Fläche dahinter anstrahlen, doch damit wäre der Effekt der frei im Raum schwebenden Glasscheibe auch wieder dahin. Transparente OLEDs dagegen leuchten selbst, doch da hat man dann das Problem, dass man kein Schwarz leuchten lassen kann und damit der Kontrast fehlt. Es müsste also die Scheibe für den TV-Betrieb intransparent geschaltet werden, was theoretisch denkbar wäre. Aber aufwendig.
Oder man nimmt eine holografische Scheibe, in die von unten hineinprojiziert wird. Das wurde schon versucht, etwa von Scram Screen. Dazu braucht es Laser und einige weitere Kleinigkeiten, die so bisher niemand zusammenbekommen hat.
Also: Design allein scheidet als Grund für einen Apple-Fernseher aus. Transparente Fernseher wären eine coole Sache, sind aber technisch noch nicht soweit.

Samsung 46-Zoll-Bildschirm in einem Kühlschrank.
Samsung 46-Zoll-Bildschirm in einem Kühlschrank.

Komplettes Programmangebot

„Das Gerät wird ganz einfach sein.“ Angeblich bräuchte man nur ein Stromkabel, alles andere geht drahtlos. Das wäre denkbar, wenn man Internet und Programmzulieferung allein über WLAN und Internet realisiert. Aber ein solches Gerät müsste die Empfangsberechtigung aller verschlüsselten Kabelnetze und Sat-Sender haben, und zwar weltweit – für Deutschland und England, für Slowenien und Finnland, Marokko und Nigeria, Sri Lanka und Kambodscha. Apple müsste dann in allen Märkten, in denen der i-Fernseher verkauft wird, als Plattformbetreiber auftreten, etwa vergleichbar mit der Telekom und ihrem Entertain-Angebot oder Astra mit HD+.
Da Apple aber, anders als Telekom oder Astra, keine eigenen Netze oder eigene Satelliten betreibt, müsste man sich auf die Infrastruktur von Fremdfirmen aufbauen, bei der man nicht kontrollieren kann, ob die Qualitätsanforderungen stimmen. Und Regionen ohne superschnelle Web-Anbindung fallen als Absatzgebiete ganz aus.
Außerdem begibt man sich als Plattformbetreiber in die Hand der Sender. Da will die eine Gruppe zum Beispiel das Vorspulen bei Aufzeichnungen verhindern, die andere will direkt mit den Kunden abrechnen, um die Daten nicht aus der Hand zu geben, und wieder andere bestehen auf ihre digitalen Zusatzangebote, die unverändert beim Zuschauer ankommen müssen. Das könnte man sicher alles realisieren, aber wofür der Aufwand? Und wer zahlt ihn? Für Sky kann man keinen Aufpreis gegenüber Satellit oder Kabel verlangen, für ARD und ZDF darf man es nicht, der Zuschauer muss zudem an einen anderen Provider Geld für eine schnelle DSL-Verbindung zahlen.
Also: Dass Apple selbst das komplette Programm liefert, und zwar über nur eine Leitung, kann man ausschließen.

Spielfilme und Serien als App

„Apple bringt TV in die iCloud.“ Dass der Webdienst iCloud nicht nur für Musik eine Rolle spielen wird, ist absehbar; schließlich baut Apple gerade seine Serverkapazitäten massiv aus. Ohnehin ist es sehr wahrscheinlich, dass Apple bald den Filmvertrieb über iTunes ausbaut, auch in 1080p-Qualität wie mit der aktuellen TV-Box. Das Ziel könnte es sein, im Online-Vertrieb von Filmen (im Branchenjargon häufig und fälschlich Digitalvertrieb genannt) eine ähnliche Rolle zu spielen wie aktuell in der Musik. Dazu passt die Nachricht, dass Apple seine TV-Strategie vor Hollywood-Bossen präsentiert hat, was man nicht machen müsste, wenn es um Design oder Sprachsteuerung ginge.
Dazu braucht man aber keinen eigenen Fernseher, sondern andere Gerätehersteller als Partner. Denn so wie Maxdome oder Acetrax in Europa, wie Netflix oder Vudu in USA führt der Filmvertrieb direkt über Smart-TVs und eine darauf installierte App. Diese App übernimmt dann die Funktionen, die heute mit der Apple-TV-Box möglich sind.
Damit verlässt man zwar das gelegentlich als geheiligt angesehene Apple-Universum, aber das ist nicht neu: Mit Airplay für Musik wird das längst praktiziert, und es funktioniert wunderbar. AV-Receiver und viele andere Geräte greifen über diesen Software-Client auf Musik zu, die auf Apple-Geräten lagert oder nur in iTunes gespeichert wurde. Und von da ist der Schritt nicht mehr weit, dass man über die App im TV-Gerät direkt in den iTunes-Store geht und sich sein Programm dort bestellt. Es bleibt dann auch in der iCloud gespeichert, kann also über iTunes Match mit jedem anderen Apple-Device abgerufen werden, etwa per iPad. Aus gutem Grund ist Apple nicht bei der Ultraviolet-Allianz dabei, das kann man nämlich selber.
Also: Vielleicht geht es bei all den Gerüchten gar nicht um einen Apple-Fernseher, sondern um Fernseher als Ziel von Apple-Programmen. Das erscheint als wahrscheinlichste Variante unter den Gerüchten, wenn auch mit dem geringsten Hype-Faktor.

„One more thing“

In Präsentationen von Steve Jobs kamen wichtige Infos gerne überraschend zum Schluss. Daher auch hier „one more thing…“. Noch nicht angesprochen in den diversen Gerüchten, aber denkbar: Über Siri oder eine andere Form der Programmerkennung könnte ein TV-Gerät das jeweils laufende Signal analysieren, auch das aus einer Settop-Box und sogar von einem angeschlossenen Blu-ray-Player. Solche Filmerkennungs-Software wird gerade von diversen Anbietern entwickelt, etwa von Gracenote, Rovi und anderen. Man kann dazu den Audio-Track auswerten, was dann nützlich ist, wenn die Erkennung über eine externe App auf einen Smartphone oder iPad passieren soll, aber auch innerhalb des Fernsehers ließe sich der Ton erfassen. Andere Verfahren werten Szenenschnitte, Untertitel oder andere charakteristische Eigenschaften aus, so dass sich für jeden Film, für jede TV-Serie, ja selbst für Live-Programme eine Art unverwechselbarer Fingerabdruck erstellen lässt.
Den schickt der Fernseher dann an einen Server und bekommt die Information zurück, welches Programm gerade auf dem Schirm zu sehen ist, welche Personen mitspielen, ja sogar welche ähnlichen Filme der Regisseur schon gemacht hat, welcher Typ Auto gerade über den Schirm fährt und so weiter. All das ist bereits teilweise in Film-Datenbanken gespeichert und muss nur noch mit dem jeweils laufenden Programm verknüpft werden.
Damit bekommt der Schirm Zugang zu allen Zusatzinfos, zu den Sehgewohnheiten und vielem mehr. Und dieser Zugang ist – was das allerschönste daran ist – frei von allen Restriktionen der Sender. Während heute RTL zum Beispiel streng verbieten würde, Werbung in seine Programme einzublenden, lässt sich das so perfekt realisieren, zielgruppengenau und passend zur jeweiligen Sendung. Und RTL kann nichts dagegen machen, denn die HD+-Settop-Box ist zwar streng gekapselt gegenüber solchen Trittbrettfahrereien, aber den Schirm selbst kann man nicht davor schützen.
Über diese Programmerkennung könnte Apple weitere Zusatzdienste realisieren, von Filmempfehlungen für den jeweiligen Zuschauer bis hin zu zahlpflichtigen Apps mit Nutzwert, die dann sogar Geld einbringen. Ein solch intelligenter Fernseher geht also weit über das hinaus, was heute als Smart-TV bezeichnet wird. Er reduziert alle Zuspieler, den Digital-Empfänger genau wie den BD-Player oder eine Video-on-demand-App, auf eine Rolle als reine Zulieferer, während nur der Fernseher – oder genauer: der Server, mit dem der Fernseher verbunden ist – alle Informationen hat und sie perfekt verknüpfen kann, auch mit iPad oder iPhone.
Also: Das wäre mal eine smarte Art des Fernsehens und ein wirklich neues Erlebnis.

Fazit

Nichts genaues weiß man nicht, und vielleicht wird man nie erfahren, was „iGod“ Jobs mit seiner Bemerkung zum Thema TV gemeint hat. Aber ein wenig Spekulation wird doch wohl erlaubt sein, denn es verkürzt das lange Warten. Solange Apple nichts konkretes bekannt gibt und wir weiter warten müssen, nennen wir den Apple-Fernseher einfach mal iGodot.