Test: Sony SLT-A77 – Bühne frei!

Sony α77 im Test
SLT-Kamera: Sony α77 im Test

Sie war nur wenige Wochen das SLT-Topmodell von Sonydie α65. Jetzt nimmt die α77 die neue Spitzenposition ein. Als erstes Semiprofi-Flaggschiff mit teildurchlässigem Spiegel soll sie professionelle Fotografen vom Spiegelreflex-Lager weglocken. Die Köder: 24 Megapixel, zwölf Bilder pro Sekunde und echtes Full-HD.

Griff Sony mit seinen SLT-Kameras bislang primär die Spiegelreflex-Konkurrenz im Einsteiger- und Mittelklasse-Bereich an, dringt der Elektronikkonzern nun auch ins Semiprofi-Segment vor: Die neue α77 beziehungsweise SLT-A77 hat es dabei insbesondere auf die Canon EOS 60D, Nikon D7000 und Pentax K-5 abgesehen. Mit rund 1.300 Euro allein für den Body steht sie ihren Mitstreiterinnen zumindest preislich schon einmal in nichts nach. Natürlich bekommt man dafür auch modernste Technik, verpackt in einem angeblich äußerst robusten Gehäuse. Erfüllt der 24-Megapixel-Bolide wirklich gehobene Ansprüche?

Oberseite der Son α77
In der separaten LCD-Anzeige werden wichtige Kameraeinstellungen übersichtlich eingeblendet. Das Stereomikrofon vor dem Zubehörschuh fügt sich schön ins Design ein

Vorteile der Sony SLT-A77 (α77) im Überblick:
+ schneller Serienbildmodus und Autofokus
+ sehr gute Bildqualität
+ Full-HD-Videos (1080p)
+ scharfes Sucherbild
+ robustes Gehäuse
+ viele Einstellmöglichkeiten

Nachteile der Sony SLT-A77 (α77) im Überblick:
– hohe Rauschanfälligkeit
– mäßige Dynamik
– hohes Gewicht

Sony SLT-A77 (α77) | Technik

Teildurchlässiger Spiegel der Sony α77
Der teildurchlässige Spiegel der α77 ist feststehend, kann zur Reinigung des Sensors aber hochgeklappt werden

Das Gehäuse des neuen SLT-Flaggschiffs besteht – wie in dieser Klasse üblich – aus einer robusten Magnesiumlegierung, die das sensible Innenleben optimal vor äußeren Einflüssen schützen soll. Gleichzeitig ist die α77 durch Verzicht auf den beweglichen Spiegelmechanismus weniger anfällig für Störungen. Im Großen und Ganzen scheint sie also bestens für Outdoor-Einsätze gerüstet zu sein. Doch auch Sportveranstaltungen gehören zu den Domänen des neuen Boliden, knipst er doch bis zu zwölf Fotos pro Sekunde – bei voller Auflösung wohlgemerkt! Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Bildsensor stolze 24,3 Megapixel schafft.

Der Exmor-CMOS-Chip hat eine Fläche von 23,5 x 15,6 Millimetern (APS-C-Format) und fand bereits in der im Dezember getesteten α65 Verwendung. Die Lichtempfindlichkeit lässt sich ebenfalls zwischen ISO 100 und ISO 16.000 einstellen, allerdings kann der Fotograf den kleinsten und größten Wert bei der automatischen ISO-Wahl selbst festlegen. Ein weiterer Vorteil der α77 gegenüber ihrer kleineren Schwester ist der Autofokus mit 19 statt 15 Messpunkten. Elf davon sind als Kreuzsensoren ausgelegt. Die Verschlusszeiten reichen sogar von einer Achttausendstelsekunde bis zu 30 Sekunden – plus Bulb-Langzeitbelichtung.

Interner Aufhellblitz der Sony α77
Der integrierte Aufhellblitz mit Leitzahl zwölf ist stärker als der der α65 - das separate AF-Hilfslicht befindet sich in der Griffmulde

Natürlich darf eine Videofunktion heutzutage nicht mehr fehlen. Sony hat hier eine Art Vorreiterrolle eingenommen und spendiert praktisch all seinen Systemkameras einen Modus für echte Full-HD-Aufnahmen, das heißt mit bis zu 50 Vollbildern pro Sekunde. Der Autofokus bleibt während des Filmens aktiv.

Anschlussfeld der Sony α77
In Reih und Glied: Das Anschlussfeld auf der linken Seite der α77 wirkt aufgeräumt. Der GPS-Empfänger lässt sich im Menü ausschalten

Die Motivbeurteilung und Wiedergabe erfolgt entweder über den integrierten elektronischen OLED-Sucher mit 2,3 Millionen Bildpunkten oder über den neig- und schwenkbaren Drei-Zoll-Monitor mit 921.600 Pixeln. Eine zusätzliche LCD-Anzeige auf der Oberseite blendet wichtige Informationen wie zum Beispiel die eingestellten Parameter, den Ladezustand des Akkus sowie die verbleibende Speicherkapazität ein.

Der Kartenslot bietet Platz für eine SD-/SDHC-/SDXC-Karte oder einen Memory Stick. Als Aufnahmeformat setzt die Kamera videoseitig auf AVCHD beziehungsweise MP4 und bildseitig auf JPEG und/oder RAW (ARW-Datei mit zwölf Bit Farbtiefe). Für unseren Test verwendeten wir übrigens das 16-bis-50-Millimeter-Objektiv, welches zusammen mit der Kamera 1.899 Euro kostet. Als Anschluss dient das von den Sony-DSLRs übernommene A-Bajonett.

Herstellertypisch ist der mechanische Bildstabilisator direkt in den Body eingebaut (Sensor-Shift). An Schnittstellen stehen je eine Blitzsynchron- und Fernauslöserbuchse, ein Mikrofoneingang, DC-IN (externe Stromversorgung), HDMI sowie USB bereit. Der Zubehörschuh und das integrierte GPS-Modul komplettieren die Ausstattung.

Schwenkdisplay der Sony α77
Der Schwenkmechanismus des Live-View-Displays der α77 ist relativ umständlich. Die Anordnung der Bedienelemente erfordert etwas Übung

Sony SLT-A77 (α77) | Bedienung

So robust die Magnesiumlegierung auch ist, hat sie im Vergleich zu herkömmlichen Kunststoffgehäusen wie das der α65 einen entscheidenden Nachteil: das Gewicht. Rund 1,3 Kilogramm bringt die α77 im betriebsbereiten Zustand – also mit Objektiv, Akku und Speicherkarte – auf die Waage. Kommt noch weiteres Zubehör hinzu, ist die Zwei-Kilogramm-Marke schnell geknackt.

Immerhin macht der gummierte und ergonomisch geformte Handgriff das Handling auch auf längeren Fotosessions sehr angenehm. Zwei Einstellräder sowie praktische Direkttasten für ISO-Empfindlichkeit, Belichtungskorrektur und Weißabgleich erlauben dabei eine ausgesprochen flotte Konfiguration der Aufnahmeparameter. Die eingestellten Werte werden sowohl auf dem Display beziehungsweise im elektronischen Sucher als auch – wie bereits erwähnt – in der separaten LCD-Anzeige eingeblendet.

Letztere verfügt über eine orangene Hintergrundbeleuchtung, sodass man sie auch bei Dunkelheit problemlos ablesen kann. Bei der Monitoraufhängung zeigt sich Sony sehr experimentierfreudig. Statt des Dreh- und Schwenkmechanismus mit einem Gelenk wie es beispielsweise die Olympus E-5 bietet, verwendet das SLT-Flaggschiff eine etwas umständlichere Lösung, die sich letztendlich aber trotzdem als flexibel erweist.

Hauptmenü der Sony α77
Das Menü der α77 bietet zahlreiche Einstellmöglichkeiten. Zum Beispiel können einige Tasten individuell belegt werden

Weniger schön finden wir die scheinbar wirre Anordnung der Bedienelemente auf der Rückseite: Die Tasten sind praktisch kreuz und quer verteilt, sodass sich die α77 erst nach einer gewissen Einarbeitungsphase intuitiv steuern lässt. Der Joystick gestattet eine schnelle Navigation, doch ist die Arbeit mit ihm relativ fummelig. Hier hätte auch ein normaler Fünf-Wege-Cursor seinen Dienst getan.

Das Menü bietet umfangreiche Konfigurationsmöglichkeiten. Zum Beispiel können einige Tasten individuell belegt oder digitale Objektivfehler-Korrekturen eingeschaltet werden. Der registerähnliche Aufbau ist sehr übersichtlich. Anders als bei der kleineren Halbschwester Sony NEX-5N muss man in diesem Fall leider auf hilfreiche Beschreibungen einzelner Funktionen verzichten.

Videoeinstellungen bei der Sony α77
Videos lassen sich bei der α77 auf Wunsch mit manuell festgelegter Blende und Verschlusszeit aufnehmen

Wer nicht nur in Fotos, sondern auch in Videos die Aufnahmeparameter selber festlegen möchte, kann über das Wahlrad neben den klassischen PASM-Modi auf einen speziellen Videomodus zurückgreifen. Soll die Kamera automatisch alle Einstellungen vornehmen, genügt ein Druck auf die silberne Taste mit rotem Punkt. Ebenso sind zwei Vollautomatiken für das Fotografieren an Bord.

Für die Aufnahme von bis zu zwölf Bildern pro Sekunde gibt es wiederum einen separaten Modus. Kein Wunder, dass das Wahlrad ein wenig überladen wirkt. Der Autofokus arbeitet extrem schnell und präzise, was vor allem dem Ultraschallmotor des 16-bis-50-Millimeter-Objektivs zu verdanken ist.

Serienbildfunktion der Sony α77
Serienaufnahmen mit bis zu zwölf Bildern pro Sekunde sind bei der α77 nur im entsprechenden Modus möglich
Digitale Wasserwaage der Sony α77
19 AF-Messpunkte garantieren bei der α77 eine präzise Scharfstellung - die elektronische Wasserwaage hilft bei der Ausrichtung der Kamera
MR-Modus der Sony α77
Im MR-Modus der α77 kann der Fotograf häufig genutzte Kameraeinstellungen speichern

Sony SLT-A77 (α77) | Kreativprogramme

Die Verwandtschaft zur α65 macht sich vor allem in den kreativen Möglichkeiten der α77 bemerkbar. Hier hat das Flaggschiff nämlich die gleiche Ausstattung wie das kleinere Schwestermodell. In erster Linie gehört dazu der Szenenmodus mit den acht Programmen „Porträt“, „Sportaktion“, „Makro“, „Landschaft“, „Sonnenuntergang“, „Nachtszene“, „Handgehalten bei Dämmerung“ und „Nachtaufnahme“. Je nach Motiv werden die entsprechenden Aufnahmeparameter automatisch festgelegt – zum Beispiel ein höherer ISO-Wert beim Fotografieren in der Dämmerung ohne Stativ oder eine kurze Belichtungszeit zum Einfrieren von Bewegungen.

Außerdem ist ein Kreativmodus an Bord. Dieser bietet eine breite Auswahl an Farbcharakteristiken wie „Lebhaft“, „Klar“ und „Sepia“, wobei Kontrast, Sättigung und Schärfe für jeden Punkt separat festgelegt werden können. Schwenkpanoramen sind ebenfalls möglich. Der Fotograf kann sogar zwischen 2D und 3D wählen. Allerdings lassen sich die im MPO-Format aufgenommen 3D-Fotos nur auf einem 3D-kompatiblen Fernseher abspielen.

Für besonders dynamische Fotos bietet die Digicam eine HDR-Automatik sowie eine Dynamikbereichsoptimierung. Zu guter Letzt hat Sony der α77 noch elf Bildeffekte mit 24 Variationsmöglichkeiten spendiert. So lässt sich beispielsweise eine bestimmte Farbe (Rot, Grün, Blau oder Gelb) beibehalten, während alle anderen Farben in Schwarz-Weiß umgewandelt werden. Zudem stehen diverse Bildwirkungen wie „Retro-Foto“, „Miniatur“ und „Spielzeugkamera“ zur Auswahl. Für die Spielerei zwischendurch ist also einiges geboten, wenn auch die meisten Features nur im JPEG-Modus funktionieren.

"HDR Gemälde"-Bildeffekt der Sony α77

Sony SLT-A77 (α77) | Bildqualität

Angesiedelt im Semiprofi-Segment, sind die Erwartungen an die α77 natürlich sehr hoch. Anders als von vielen Spitzenmodellen gewohnt, verfügt das SLT-Flaggschiff allerdings über den gleichen Sensor wie die untergeordnete und vor allem deutlich günstigere α65.

Sony hält mit 24,3 Megapixeln zwar weiterhin den Auflösungsrekord im APS-C-Format, doch hat die hohe Pixeldichte auch negative Auswirkungen auf die Bildqualität: Bei niedrigen Empfindlichkeiten gibt es in der Praxis zwar nichts auszusetzen, wehe aber, man fotografiert jenseits von ISO 3.200! Dies ist nämlich der Schwellenwert, ab dem die Rauschunterdrückung sichtbar eingreift und feine Strukturen regelrecht zermatscht. Der fünfstellige ISO-Bereich sollte also besser gemieden beziehungsweise nur in Ausnahmesituationen genutzt werden.

In puncto Dynamik hinkt die Kamera der ebenbürtigen Konkurrenz wie zum Beispiel der Pentax K-5 oder Nikon D7000 hinterher. Immerhin leistet die Dynamikbereichsoptimierung volle Arbeit, wodurch sich die Schwächen kaschieren lassen. Fairerweise ist jedoch zu erwähnen, dass die beiden Mitstreiterinnen über eine 14- statt 12-Bit-Wandlung verfügen.

Mit der Sony α77 gemachte Nahaufnahme
Gerade wegen der leichten Übersättigung der Rottöne wirkt dieses Herbstmotiv angenehm warm

Zu den Stärken der α77 gehört ohnehin ihre hohe Auflösung. Dies macht sich vor allem in der überragenden Durchzeichnung bemerkbar: Selbst extrem dünne und zusammenlaufende Konturen erscheinen klar differenziert. Detailreiche Motive und schwache Kontraste meistert die Kamera ebenfalls ohne Probleme. Sony-typisch neigen Rot- und Hauttöne zu einer leichten Übersättigung, wodurch Porträts sowie Sonnenuntergänge besonders gut zur Geltung kommen. Sanfte Farbübergänge und schwache Kontraste sind dabei sehr schön nuanciert.

Die Abbildungsleistung des 16-bis-50-Millimeter-Kitobjektivs weiß ebenfalls zu überzeugen. Zwar fällt es wesentlich schwerer und sperriger aus als das 18-bis-55-Millimeter-Standardzoom, erlaubt sich dafür aber weder störende Verzeichnungen noch Vignettierungen und bietet zudem eine über den gesamten Brennweitenbereich konstante Lichtstärke von f/2,8. Die Schärfe in der Bildmitte ist exzellent und lässt zum Rand kaum nach.

Full-HD-Videos zeichnet die α77 ebenso wie ihre kleinere Schwester in ausgezeichneter Qualität mit bis zu 50 Vollbildern pro Sekunde und kontinuierlichem Autofokus auf. Dank des Ultraschallmotors im Objektiv erfolgt die Scharfstellung praktisch geräuschlos.

Mit der Sony α77 fotografierter Tiefnebel
Selbst bei schwachen Kontrastverhältnissen liefert die α77 noch brauchbare Fotos. Allerdings könnte die Dynamik besser sein
Mit der Sony α77 fotografierte Kapelle
Die Bilder der Sony α77 glänzen mit einer akkuraten Farbwiedergabe und hohen Detailtreue
Beispielfoto der Sony α77
Nicht ins Wasser gefallen: Die einzelnen Äste der Bäume sind sogar in den Wasserspiegelungen hervorragend durchgezeichnet
Sony α77: Vergleichsbild 1
Warme Bilder: Bei rötlichen Farbtönen neigt die α77 Sony-typisch zu einer leichten Übersättigung (links). Die Referenzkamera fängt die Farben in ihrer natürlichen Intensität und Sättigung ein
Sony α77: Vergleichsbild 2
Die Vollautomatik wählt meist eine große Blende, wodurch Objekte vor der Fokusebene verschwimmen - die Detailtreue ist dennoch hervorragend (links). Obwohl die Referenzkamera weniger Pixel hat, erwecken ihre Bilder einen höheren Schärfeeindruck

PLAYER.de-Testurteil: Sehr gutPLAYER.de meint:
Angesichts des Preisunterschieds von 500 Euro zwischen der Sony α77 und der α65 fallen die Ausstattungsunterschiede recht marginal aus. Das SLT-Flaggschiff bietet in erster Linie lediglich ein leistungsfähigeres AF-System, ein stabileres Gehäuse sowie zusätzliche Einstellmöglichkeiten und Direkttasten. Am Bildsensor hingegen hat sich nichts verändert, so dass die Abbildungsleistung im Prinzip die gleiche ist. Das heißt: Hervorragende Bildqualität, jedoch mit sichtbaren Abstrichen bei hohen ISO-Werten. Hier wären ein paar Megapixel weniger wohl besser gewesen. Immerhin gehört die Videofunktion aktuell zu den besten auf dem Kameramarkt. Für den extrem schnellen Autofokus und Serienbildmodus sowie die praktischen Extras verdient die Sony α77 ebenfalls Anerkennung und damit das PLAYER.de-Qualitätssiegel „Sehr gut“.

Sony SLT-A77 (α77)

Preis lt. Hersteller: 1.299,- Euro (nur Gehäuse)
AUSSTATTUNG
Sensor/Auflösung: CMOS mit 24,3 Megapixeln
Objektiv: A-Bajonett; getestet mit DT 16-50mm/2.8 SSM, Brennweite: 24 bis 75 mm (KB)
ISO: 100 bis 16.000
Verschlusszeiten: 1/8.000 bis 30 Sekunden (+ Bulb-Modus)
LC-Display: 3 Zoll (921.600 Pixel)
Besonderheiten: Teiltransparenter Spiegel, 24,3 Megapixel, GPS, Gehäuse aus Magnesiumlegierung, 1080p-Videos, 12 Bilder/Sekunde, Schwenkdisplay
BEWERTUNG
Technik: 4,5 von 5 Punkten
Bedienung: 4 von 5 Punkten
Kreativprogramme: 5 von 5 Punkten
Bildqualität: 4,5 von 5 Punkten
PLAYER.de GESAMTWERTUNG Sehr gut