Test: Leica M9-P – Understatement-Profi

Leica M9-P im Test
Spiegellose Systemkamera: Leica M9-P im Test

Eine Profikamera mit überlegener Bildqualität im Kompaktformat, noch dazu mit einem unscheinbaren Äußeren? Das gibt’s nur bei der neuen Leica M9-P, der weltweit kleinsten Kamera mit Vollformat-Sensor.

Erinnern Sie sich noch an die goldene Ära der Analogfotografie? Damals, als das Design offensichtlich eine eher untergeordnete Rolle spielte, das Bilderknipsen mit viel Handarbeit verbunden war und man jedes Auslösen eines Bildes deutlich hörte? Als einer der großen Fotografie-Pioniere hat Leica dieses Konzept nie aufgegeben. Die M9-P ist mit der seit 2009 verfügbaren M9 identisch, hat ihr aber einen kratzfesten Saphirglas-Monitor voraus und verzichtet auf das rote Leica-Logo auf der Front, um unscheinbarer zu wirken. Der Preis von 5.995 Euro allein für das Gehäuse unterstreicht den Ansatz deutlich.

Leica M9-P in Silber
Wer die Wahl hat, hat die Qual: Statt nur mit schwarzer Lackierung gibt es die Leica M9-P nun auch in einer silber verchromten Ausführung
 

Vorgestelltes Produkt:
Leica M9 (18.5 Megapixel (2.5 Zoll Display))
Aktueller Amazon-Preis:


 

Vorteile der Leica M9-P im Überblick:
+ exzellente Bildqualität
+ hohe Bilddynamik
+ hervorragende Objektive
+ sehr hochwertige Verarbeitung

Nachteile der Leica M9-P im Überblick:
– kompliziertes Bedienkonzept (z. B. kein Autofokus)
– hohes Gewicht
– hoher Preis

Leica M9-P | Technik

Leica verbaut die gleiche Technik wie in der M9 und verzichtet damit auf alle für den Einsteiger und Hobbyfotografen praktischen Automatiken, die in der modernen Digitalfotografie sonst selbstverständlich sind. Dazu gehören insbesondere der nicht vorhandene Autofokus sowie das lediglich für die Menünavigation und Wiedergabe gedachte Display. Einen Live-View-Modus zur Direktvorschau sucht man vergeblich. Die mittlerweile obligatorische Videofunktion ist der Kamera ebenfalls fremd.

Dafür lässt aber der eingebaute Vollformatsensor eine überragende Fotoqualität erwarten: Der CCD-Chip löst stattliche 18 Millionen Bildpunkte (5.212 x 3.472 Pixel) auf und weist dank seiner großen Fläche von 24 x 36 Millimetern ein äußerst gutes Rauschverhalten auf (mehr dazu unter „Bildqualität“). Die Lichtempfindlichkeit ist regulär zwischen ISO 160 und ISO 2.500 einstellbar. Nimmt man einen geringeren Dynamikumfang in Kauf, lässt sich der Anfangswert auch auf ISO 80 stellen.

Zusammen mit der Leica M9-P getestete Objektive
Hochwertige Leica-Objektive: Wir haben die M9-P mit der 35-Millimeter- und der 90-Millimeter-Festbrennweite getestet

Einen großen Teil zur Abbildungsleistung trägt natürlich das verwendete Objektiv bei. Wir haben die M9-P in Verbindung mit zwei Festbrennweiten – dem extrem lichtstarken Summilux-M 1:1.4/35mm Asph. sowie dem Summarit-M 1:2.5/90mm – getestet. Darüber hinaus kommt die Kamera mit fast allen Optiken aus dem Leica-M-Programm seit 1954 zurecht (16 bis 135 Millimeter Brennweite).

Die Verschlusszeit lässt sich zwischen einer Viertausendstelsekunde und acht Sekunden festlegen, wobei die Kamera in der Zeitautomatik (A) nahezu stufenlos bis 32 Sekunden belichten kann. Im Bulb-Modus sind Langzeitbelichtungen von bis zu vier Minuten möglich. Als Verschluss setzt Leica auf einen mikroprozessorgesteuerten Metall-Lamellen-Schlitzverschluss mit vertikalem Ablauf. Zur Motivverfolgung dient der auf minus 0,5 Dioptrien abgestimmte Leuchtrahmen-Messsucher. Ein Dioptrienregler wurde der M9-P nicht spendiert.

Der Monitor misst 2,5 Zoll (6,35 Zentimeter) in der Diagonale und stellt verhältnismäßig wenige Pixel (230.000) dar. Bis das darzustellende Bild vollständig aufgebaut und scharf ist, vergehen in der Regel zwei Sekunden. Alle Aufnahmen werden im JPEG- und/oder RAW-Format (DNG-Datei mit 16 Bit Farbtiefe je Kanal) auf einer maximal 32 Gigabyte großen SD- beziehungsweise SDHC-Karte gespeichert. Die Rohdaten landen entweder als unkomprimiertes oder – durch nichtlineare Reduktion der Farbtiefe – leicht komprimiertes Foto auf dem Medium.

Kartenslot und Akkufach der Leica M9-P
Gut versteckt: Der Speicherkarteneinschub und der Akkuschacht verbergen sich hinter dem abnehmbaren Bodendeckel

Nicht nur die Technik, sondern auch das Gehäuse selbst ist mit dem der M9 identisch. Die Änderungen beschränken sich auf die beiden neuen Farbvarianten „Schwarz lackiert“ und „Silber verchromt“ sowie das diskretere Design. Hinzu kommt noch das Display-Deckglas aus kratzfestem und widerstandsfähigem Saphirkristall, das die M9-P im Vergleich zur Vorgängerin stolze 495 Euro teurer macht. Ein integrierter Aufhellblitz fehlt nach wie vor, sodass der Fotograf zum Beispiel in Gegenlichtsituationen oder bei schlechten Lichtverhältnissen zwangsweise auf ein externes Blitzgerät zurückgreifen muss. An Anschlüssen steht lediglich ein USB-Port zur Verfügung, der angesichts der fotografischen Möglichkeiten aber absolut ausreicht.

Oberseite der Leica M9-P
Inkognito: Lediglich der Schriftzug auf der Oberseite weist auf die Leica-Abstammung hin

Leica M9-P | Bedienung

Anders als von hochwertigen Digicams gewohnt, wirkt die M9-P sehr aufgeräumt, um nicht zu sagen spartanisch. Dazu trägt das schnörkellose Design genauso bei wie die überschaubare Anzahl an Bedienelementen. Diese beschränken sich nämlich ebenfalls auf das für den Profi Wesentliche. Das Herzstück der Bedienung ist die intuitive Kreuztasten-Drehrad-Kombination, dank der man besonders schnell durch das Menü oder die gespeicherten Fotos navigieren kann. Im Wiedergabemodus übernimmt das (leider etwas schwergängige) Drehrad die Aufgabe der Lupenfunktion.

Display der Leica M9-P
Schnellcheck: Betätigt man die Info-Taste, zeigt die Kamera unter anderem die noch verbleibende Akku- und Speicherkapazität an - der unten abgebildete Edelstein deutet auf das Deckglas aus Saphirkristall hin
ISO-Einstellung bei der Leica M9-P
Wer mit ISO 80 fotografiert, muss Einbußen bei der Dynamik hinnehmen - die Automatik neigt bei schwachem Licht schnell zu hohen Werten

Der Purismus setzt sich im Menü fort: Statt auf bunte Grafiken stößt man auf eine schlichte, aber zweckmäßige Auflistung sämtlicher Befehle und Konfigurationsmöglichkeiten. Hier können unter anderem die Objektivtyp-Erkennung, die Auto-ISO-Begrenzung sowie die Zeit für den Selbstauslöser gewählt werden. Einige Menüpunkte wie zum Beispiel „Schärfen“, „Kontrast“ und „Farbraum“ sind nur im JPEG-respektive Mischbetrieb (DNG und JPG) verfügbar.

Bis hierhin stellt die Bedienung kein Problem dar. Mit den aufnahmerelevanten Kameraeinstellungen dürften allerdings viele Fotografen ihre Schwierigkeiten haben. So erfolgt die Anpassung der Verschlusszeit wie bei der Fujifilm Finepix X100 über einen separaten Drehregler. Stellt man diesen auf „A“, ist die Zeitautomatik aktiv. Das war es dann auch schon mit den Belichtungsprogrammen. Die Blende muss nämlich von Hand über das Objektiv geöffnet beziehungsweise geschlossen werden – eine Automatik gibt es hierfür nicht.

Verschiedene Signalübertragungsoptionen der Leica M9-P
Picture Transfer Protocol oder Massenspeicher: Die Kamera ermöglicht die Datenübertragung via USB mit zwei unterschiedlichen Standards

Richtig heikel wird das manuelle Fokussieren: Um ein Objekt scharf zu stellen, muss sich der im Sucher eingeblendete Motivausschnitt des Entfernungsmessers exakt mit dem Sucherbild überschneiden. Erschwerend kommt hinzu, dass der Schärfenbereich bei großer Blendenöffnung sehr klein ausfällt. Immerhin ist die Relation direkt am Objektiv ablesbar.

Einsteiger und viele eingefleischte Digitalfotografen werden an diesem doch recht komplexen Bedienkonzept trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern, zumal die M9-P die manuell festgelegten Aufnahmeparameter weder im Sucher noch auf dem Display anzeigt. Immerhin gibt der Belichtungsmesser im Sucher Aufschluss darüber, ob man Blende oder Verschluss nach rechts oder links drehen sollte.

Weißabgleich der Leica M9-P
Für den Weißabgleich stehen zahlreiche Voreinstellungen zur Auswahl - die gewünschte Farbtemperatur kann auch manuell festgelegt werden

Da sich das Bildfeld je nach angeschlossenem Objektiv ändert, können über den Hebel auf der Vorderseite verschiedene Begrenzungsrahmen eingeblendet werden. Diese stehen jeweils für die Brennweiten 35 und 135 Millimeter, 50 und 75 Millimeter sowie 28 und 90 Millimeter zur Verfügung. Einige Optiken mit anderen Brennweiten verfügen über einen Suchervorsatz, auf dem bereits die entsprechende Markierung angebracht ist.

Großes Manko: Die Leuchtrahmen und der Entfernungsmesser beziehen das Licht aus kleinen Fenstern auf der Frontseite. Fotografiert man etwa in der Dunkelheit, ist es nahezu unmöglich, den anvisierten Bildausschnitt zu erkennen – geschweige denn das Motiv scharf zu stellen. Ein Hilfslicht oder andere Leuchtquellen sind nicht an Bord. Die M9-P ist mit Abmessungen von 139 x 80 x 37 Millimetern (B x H x T) trotz Kompaktheit nicht gerade winzig und bringt zudem stattliche 600 Gramm (ohne Objektiv) auf die Waage. Mangels Griffwulst führt an der beidhändigen Bedienung also kein Weg vorbei.

Infoscreen der Leica M9-P
Die Aufnahmeparameter bereits geschossener Fotos können im Wiedergabemodus noch einmal eingesehen werden

Dank des Vulkanit-Kunstlederbezugs liegt die Kamera dennoch angenehm und sicher in den Händen. Das Ganzmetallgehäuse ist makellos verarbeitet und sehr resistent gegenüber Kratzern. Der haptische Gesamteindruck überzeugt vollends. Erwähnenswert ist übrigens auch die Bedienungsanleitung, in der Leica zahlreiche Funktionen verständlich und liebevoll erklärt. Daran sollten sich andere Hersteller ein Beispiel nehmen.

 
 
 

Leica M9-P | Bildqualität

Auch wenn die M9-P über keinerlei Kreativprogramme verfügt, gehört sie sicherlich nicht zu den Langweilern. Schließlich setzt Leica im Profisegment vielmehr auf die digitale Nachbearbeitung und nicht auf qualitätsschmälernde Szenenmodi und sonstige, sehr oft überflüssige Effekte. Ohnehin bietet der erstklassige Vollformatsensor mit 16 Bit Farbtiefe genügend Ressourcen, damit man seiner Kreativität zum Beispiel in Bildbearbeitungsprogrammen wie „Adobe Lightroom“ oder seit Neuestem CyberLinks „PhotoDirector 2011“ freien Lauf lassen kann.

Mit der Leica M9-P fotografiertes Sonnenblumenfeld
Sonnenblumenfeld: Die hohe Dynamik der Kamera im RA W-Modus erlaubt weitreichende und ansprechende Bildanpassungen ohne Qualitätsverlust

Die hohe Auflösung von 18 Megapixeln schlägt sich dabei vor allem in der extremen Detailtreue nieder. Selbst feinste Linien und Konturen unseres Auflösungstestcharts werden nahezu perfekt abgebildet, die Abbildungsleistung einer Hasselblad H4D-31 wird allerdings nicht erreicht. Besonders gut zeigen sich hier die Vorzüge der kompakten (in Deutschland produzierten) Leica-Optiken, die wohl zu den besten Objektiven überhaupt gehören: Die Fotos sind praktisch frei von Vignettierungen sowie Verzeichnungen und wirken außerordentlich sauber.

Stadtaufnahme der Leica M9-P
Dom von Siena vom Piazza del Campo: Die M9-P erlaubt unglaublich detailreiche Aufnahmen und dank hoher Dynamik malerische Bildanpassungen

Unter mageren Lichtbedingungen neigt die Empfindlichkeitsautomatik der Kamera jedoch schnell zu vierstelligen ISO-Werten, die eine gewisse Körnung im Foto hervorrufen. Das Durchzeichnungsvermögen bleibt trotzdem auf ordentlichem Niveau.

Die ideale Konstellation aus lichtstarker Optik und großem Bildsensor lädt geradezu ein zum Spielen mit der Hintergrundunschärfe. So gefallen vor allem Porträts durch ihr hinreißendes Bokeh, aus dem das Hauptmotiv perfekt heraussticht. Das liegt auch an den Farben, die aufgrund ihrer leichten Übersättigung (bei JPG-Bildern) quicklebendig wirken. Die Nuancen kommen ebenfalls sehr gut zur Geltung, während härtere Übergänge und Abstufungen problemlos differenziert werden.

Leica M9-P: Beispielfoto mit hoher Schärfentiefe
Von nah bis fern: Bei hohen Blendenwerten ergibt sich trotz des Vollformat-Sensors eine überzeugende Schärfentiefe

Der automatische Weißabgleich arbeitet im Großen und Ganzen zuverlässig. Für kontrastreiche Motive, die sich trotz des enormen Dynamikumfangs nicht oder nur schwer bezwingen lassen, hält die M9-P eine Belichtungsreihenfunktion bereit. Ist diese eingeschaltet, knipst die Kamera wahlweise drei, fünf oder sieben unterschiedlich belichtete Einzelbilder, die man am Computer zu einem HDR-Foto zusammenfügen kann. Die Abstufung ist im Hauptmenü zwischen einer halben und zwei Blendenstufen einstellbar.

Mit der Leica M9-P geschossenes Portrait
Nahaufnahmen mit geringer Schärfentiefe: Wegen des fehlenden Autofokus eine besondere Herausforderung, dafür aber mit tollem Ergebnis
Parkaufnahme der Leica M9-P
Ein Vollformat-Vorteil: Bei niedrigen Blendenwerten ergibt sich schnell eine atemberaubende Bildtiefe

PLAYER.de-Testurteil: Sehr gutPLAYER.de meint:
Wer schon bei der Leica M9 das riesige Auflösungsvermögen, die satte Farbwiedergabe und das geniale Spiel zwischen Schärfe und Unschärfe zu schätzen wusste, wird auch mit dem optisch unscheinbaren und durch Saphirglas geschützten Schwestermodell seine wahre Freude haben. Das Fotografieren ist nach wie vor mit echter Handarbeit verbunden und eine Freude für Könner. Die M9-P bleibt eben eine Kamera für knallharte Fotopuristen, die jedoch (wenn man sie richtig bedient) eine gigantische Bildqualität an den Tag legt. Dafür gibt’s das PLAYER.de-Referenzsiegel.

Leica M9-P

Preis lt. Hersteller: 5.995,- Euro (nur Gehäuse)
AUSSTATTUNG
Sensor/Auflösung: CCD mit 18 Megapixeln
Objektiv: M-Bajonett, getestet mit Summilux-M 1:1.4/35 Asph. und Summarit-M 1:2.5/90, Brennweite: 35 / 90 mm (KB)
ISO: 80 (pull) bis 2.500
Verschlusszeiten: 1/4.000 bis 30 Sekunden (+ Bulb-Modus)
LC-Display: 2,5 Zoll (230.000 Pixel)
Besonderheiten: Vollformatsensor, Gehäuse komplett aus Metall, Retro-Design
BEWERTUNG
Technik: 4 von 5 Punkten
Bedienung: 3 von 5 Punkten
Kreativprogramme:
Bildqualität: 5 von 5 Punkten
PLAYER.de GESAMTWERTUNG Sehr gut (Referenz)